HISTORIA BREMVM - Die Geschichte(n) der Ortsgemeinde Bremm an der Mosel
Mit Karre, Leiterwagen und Schlitten durch den Bremmer Calmont und zur Mehlmühle nach Springiersbach
    von Franz Josef Blümling und Toni Ostermann
Als am 8. Mai 1945 der langjähriger und blutige Krieg zu Ende ging, bestand eine allgemeine große Warennot. Es bildete sich der Schwarzhandel mit schlimmen Folgen. Aus den Moseldörfern fuhren täglich einige Tausend Menschen in zumeist überfüllten Zügen mit Wein in das englische Gebiet um Brot, Schuhe, Stoffe und Haushaltsgeräte zu tauschen.

Das Geld hatte nur noch einen Wert für Waren, die es gegen Lebensmittel-Karten gab, und das war nicht viel. Man unterschied Selbstversorger, Teilselbstversorger und Normalverbraucher. Die Zuteilung an Brot betrug pro Tag 200 Gramm. Drei Zentner Kartoffeln gab es je Person für das Jahr. Was fehlte, war besonders Fett und andere kalorienhaltige Nahrungsmittel.

Ein Weinbergsarbeiter bekam durchschnittlich fünf Flaschen Wein pro Tag, eine Frau drei bis vier Flaschen. Oft wurde auch das Mittagessen gestellt. Vier Heringe kosteten eine Flasche Wein; für ein Paar Schuhe musste man 30 – 40 Flaschen hergeben. Einen Zentner Kartoffeln bekam man für acht Flaschen. Eine Flasche Wein wurde im Schwarzhandel mit 40 – 50 Mark bezahlt. Von einem Lehrergehalt für zwei bis drei Monate bekam man ein Paar Arbeitsschuhe (700 bis 800 Mark). Ein Familienvater beklagte, dass er für seine drei Kinder schon seit sieben Jahren keine Schuhe und Kleider mehr kaufen konnte. Was man brauchte, musste man sich schwarz besorgen – also auf unerlaubte Weise.

Wichtig war es für jede Familie, Getreide zu haben, um es zu Mehl mahlen zu lassen, womit dann lebensnotwendiges Brot gebacken wurde. So fuhren die Bremmer Winzer mit einem Rucksack voll Flaschenwein vom Bahnhof Eller aus mit dem Zug nach Kattenes. Von dort ging es bergan zu den Bauernhöfen in der Eifel. Für acht bis neun Flaschen Wein bekam man dort einen halben Zentner Getreide. Im Winter 1945 / 46 lag viel Schnee. Dann wurde der vollgepackte Rucksack sowohl hin nach Eller, als auch am Abend von dort zurück nach Bremm mit einem Schlitten transportiert, was viel Kraft ersparte.

Es wurde auch Getreide auf den Moselhöhen gesät und geerntet. Wenn sich eine genügende Menge angesammelt hatte, wurde eine Handkarre beladen, die mit einem Trupp nahestehender Leute per Seil zur Springiersbacher Mehl-Mühle bei Bengel gezogen wurde.

Die Straßenbrücke hinter Höllental war noch zerstört. Nur ein schmaler Holzsteg führte über den Alfbach. Also musste man die Karre entladen, die Säcke über den Steg tragen und schließlich wieder aufladen.

Das leere Fuhrwerk zog man durch den Bach. In etwa fünf Stunden hatte man endlich die etwa 20 km weite Strecke bewältigt. Nicht selten schmerzte die Schulter. Das Seil hatte sie dann vom ständigen Ziehen aufgekratzt.

Konnte man nunmehr endlich das Mehl aufladen, erfolgte die gleiche Prozedur auf der Heimfahrt. Wenn man endlich zu Hause ankam, war es in aller Regel schon dunkel. Eine Laterne hatte man bei einem solchen Transport immer dabei zu haben.

  Im Sommer 1946 wurde der Bahnverkehr wieder aufgenommen. Da aber die Brücke in Eller noch nicht wieder hergestellt war, mussten die Reisenden den Weg über Bremm zu Fuß machen, um den Anschluss nach Koblenz in Eller oder in Neef nach Trier zu erreichen. In Neef ging es mit der Moseltalbahn durch das ganze Moseltal nach Trier, da auch die Brücke in Bullay zerstört war. Es gab also zwischen Neef und Eller keine Eisenbahnverbindung mehr.

Verschiedene Lastautos aus der Umgegend und ein kleines Motorboot, das in Neef an der Fährrampe ankerte, gaben den Reisenden Erleichterung und transportierten das Gepäck zwischen den beiden Dörfern. Längst nicht immer standen aber diese motorisierten Gefährte bereit. So versammelten sich an den Bahnhöfen in Neef und Eller stets eine Anzahl von Frauen, Kinder und Jugendliche, die mit Karren oder Leiterwagen um einen Gepäck-Transport durch den Bremmer Calmont warben – und das für einen recht niedrigen Preis in Reichsmark. Wenn ein Zug ankam, gab es immer eine hektische und lautstarke Betriebsamkeit. Jeder „Transporteur“ wollten einen Auftrag haben. Jeder hörte all zu gerne die Frage: „Wie komme ich zur Fähre?“

Auch F. J. Blümling, war als achtjähriger Bub an diesem Unterfangen emsig beteiligt. Wir hatten in dieser wirren Zeit in Neef kaum Schulunterricht, da die Baufirma Mayer das Schulgelände und auch einige Unterrichtsräume für Zuarbeiten zur Brückenreparatur in Anspruch genommen hatte.

Wir Kinder hatten dagegen nichts einzuwenden. Ich wohnte ganz in der Nähe des Bahnhofes, und war umgehend im Einsatz, wenn ein Zug ankam. Wenn mich also jemand ansprach: „Wie komme ich zur Fähre?“ war das Geschäft so gut wie abgeschlossen, und die Kasse klingelte. Das rege Tagesgeschehen beschäftigte mich sogar noch in der Nacht. So bin ich einmal nachts durch unser Haus geschlafwandelt und habe meine Tante, die aufgeregt im Nachthemd erschien, gefragt: „Wie komme ich zur Fähre?“ Sie erzählte dies am nächsten Tag prompt weiter, was besonders meine Kumpels amüsierte.

Und Toni Ostermann aus Bremm, ebenfalls noch ein Kind, hatte einmal eine schwere Holzkiste voller Wein und Schnaps transportiert. Der vierrädrige Handkarren krachte zusammen. Und was geschah nun? Ein anderer Transporteur bekam eine zusätzliche Ladung und Toni, der mit wenigen fünfReichsmark abgefunden wurde, fuhr betrübt mit einem dreirädrigen Fuhrwerk nach Hause.

Nun war er einige Tage ohne Einnahmen. So schnell war kein Ersatzrad aufzutreiben.

Aller Eifer und Einsatz war jedoch nicht lohnend. Als am 22. Juni 1948 die bisherige Reichsmark durch die Deutsche Mark ersetzt wurde, hatte man das Geld auf Sparkonten 1 : 10 abgewertet. Ansonsten bekam jeder, der in den Westzonen wohnte, für 60 Reichs-Mark zunächst 40 Deutsche Mark und am 5. September nochmals 20 D-Mark.

 
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Dieser Beitrag wurde verfasst von Franz Josef Blümling, Zell, und Toni Ostermann, Bremm   Korrekturdatum:
Eventuelle Korrekturhinweise bitte an info@naves-historia.de   20.06.2009 RP
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