HISTORIA BREMVM - Die Geschichte(n) der Ortsgemeinde Bremm an der Mosel
Die "Keh-Gaaß" in Bremm hieß auch "Oberstraße" oder heute "Calmontstraße"
    von Rolf Goergen
ein Kuhgespann auf der Kehgaas vor dem ehemaligen Haus Deitel (heute Margret und Ludwig Schmitz)
Quelle: Anton Pellenz, Bremm
Weitere historische Fotos finden Sie im
Alten Fotoalbum von Bremm an der Mosel
Jedes Dorf unserer Heimat hat nach wie vor einen historischen Ortskern. Hier begann alles, hier befindet sich die ursprüngliche Wohnlage mit einer jahrhundertelangen Geschichte. Manche Häuser sind in geradezu abenteuerlichem Baustil ineinander verschachtelt. Nicht selten kam (kommt) es vor, daß zwei Wohnhäuser nur eine gemeinsame Giebelwand hatten. Viele dieser urigen Bauwerke sind heute entweder restauriert, umgebaut oder sogar abgerissen und neu aufgebaut worden. Eine besondere Bausubstanz präsentieren jene Häuser, bei denen man das Fachwerk freigelegt und die symmetrisch verzweigten Balken rötlich-braun gestrichen hat.

Die Straßen und Gassen wurden seinerzeit so angelegt, daß ein Pferde- oder Kuhgespann bequem hindurch fahren konnte. An ein Auto hätte kein noch so kühner Optimist auch nur zu denken gewagt - es gab nämlich keine. Durch einen solchen engen und ineinander verwobenen Ortsteil verläuft in einem kurzen Streckenabschnitt fast schnurgerade - die Bremmer „Keh-Gaaß“. Nun, die offizielle Straßenbezeichnung lautete zwar „Oberstraße“, doch daran hielt sich kein Mensch. Generationen von Dorfbewohnern war die gewachsene dörfliche und mundartliche Bezeichnung recht und billig, sie deutete darauf hin, daß hier im letzten und vorletzten Jahrhundert mehrere Familien ansässig waren, die im stolzen Besitz einer Kuh waren. Das war durchaus nicht selbstverständlich, viele im Dorf konnten sich wie überall im Land - höchstenfalls eine oder zwei Ziegen halten. Aus jener Zeit stammt wohl auch der Ausspruch: „Die Ziege ist die Kuh des armen Mannes!“ - Wer eine Kuh als „Milchquelle“ besaß, konnte sich durchaus zu den Privilegierten zählen.

„Entschuldigung, mein Herr, wo ist hier eigentlich die Küh-Gasse?“, fragte ein neugieriger Tourist mit verschmitztem Gesichtsausdruck.

„Also“, begann der so überaus freundlich angesprochene Einheimische zunächst leicht stockend, dann jedoch frei weg von der Leber zu erklären: „Also, passen Se‘ mal off, die KehGaaß..“ Dann besann er sich, daß er es mit einem Fremden zu tun hatte und fuhr in fast lupenreinem Hochdeutsch fort: „Ja, die Kuh-Gasse verläuft parallel zur Mosel oder, wenn man so will, zur B49, sie beginnt südlich in jenem Ortsteil dort drüben, der erst nach dem Kriege, als es den Leuten besser ging, entstanden ist und endet nördlich an der schräg bergauf verlaufenden Brunnenstraße im historischen Ortskern, von Osten gesehen ist es die zweite Querstraße, wenn man die Moselstraße passiert hat!“ - Sprach‘s und ging seiner Wege. Das war die längste Rede, die er seit langem gehalten hatte.

  Vor etwa 30 Jahren wurde im Dorf immer häufiger die Frage diskutiert, ob die alte Straßenbezeichnung „Oberstraße“ noch treffend, noch zeitgemäß sei, weil einmal eine weitere, höher gelegene Straße mit Neubaugebiet hinzu gekommen sei. Und zum anderen bestand die ernste Absicht, endlich der Qualitäts- und Renomier-Weinlage „Calmont“ die Ehre zu erweisen und sie namentlich im Ort selbst zu etablieren. Kurz und gut. Seitdem heißt die „Oberstraße“ alias „Keh-Gaaß“ ganz züchtig und fast sogar ein bisschen vornehm „Calmontstraße“.

Die Alten im Dorf halten sich nicht daran, für sie heißt es nach wie vor - und durchaus zünftig „Keh-Gaaß“, und das, obwohl seit Jahr und Tag kein Wiederkäuer mehr im Stall steht. - Und die Jungen? - Na ja. Die Jungen haben sich, so scheint es, auf die neuzeitliche Version festgelegt. Denn weder die 11-jährige Verena noch der 14-jährige Kilian und sein Bruder Max wussten mit der traditionellen Straßenbezeichnung etwas anzufangen.
In der Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde die Straße im Zuge der Dorferneuerung sowohl mit neuzeitlichen als auch althergebrachten Pflastersteinen kombiniert völlig neu gestaltet. Die Anwohner selbst sorgen für dekorativen Blumenschmuck, der von den zahlreichen Gästen im Dorf immer wieder bewundert wird. Und: Ob nun „Keh-Gaaß“, „Oberstraße“ oder „Calmontstraße“, spielt überhaupt „keine Geige“. Hauptsache ist: Die Lebens- und Wohnqualität lässt hier nichts zu wünschen übrig.

Literaturquelle(n)
Rolf Goergen   Beilage der Rheinzeitung "Heimat zwischen Hunsrück und Eifel", Dezember 2001
     
 
Bildquelle(n)
Rainer Pellenz   Das Alte Fotoalbum von Bremm
 
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Dieser Beitrag wurde verfasst von Rolf Goergen, Bad Bertrich   Korrekturdatum:
Eventuelle Korrekturhinweise bitte an rp@moselweb.de   27.06.2009 RP
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