HISTORIA BREMVM - Die Geschichte(n) der Ortsgemeinde Bremm an der Mosel
Hamsterzeit und "Koffer fahren"
    von Toni Ostermann
Die Trümmer der im Krieg von Fliegerbomben zerstörten Eisenbahnbrücke bei Ediger-Eller stören den Schiffsverkehr
um 1947, Quelle: Wochenspiegel
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Alten Fotoalbum von Bremm an der Mosel
Mai 1945 – der Krieg war endlich vorbei – jedoch die Not war groß. In den Städten sammelten die Menschen die übriggebliebenen Hausrat- und Wertgegenstände, Kleidungsstücke und alles Mögliche. – Sie fuhren damit aufs Land und tauschten gegen Lebensmittel. Vielen noch als der Begriff „hamstern“ bekannt.

Die Menschen fuhren mit Fahrrädern, alten Autos oder mit der Bahn – doch für viele war dann am Ellerer Bahnhof Ende: Die Ellerer Brücke war zerstört – und die nächste Bahn fuhr ab Neef – die Moseltalbahn – auch Bimmelbahn genannt – (Die Bullayer Brücke war ebenfalls zerstört)

Doch wie kamen die Reisenden von Eller nach Neef?

Die Ellerer, Bremmer und St. Aldegunder (Dalliender) Jugendlichen (auch Männer und Frauen) standen mit Handwagen und Karren (Koren) in langen Reihen am Ellerer Bahnhofsweg bereit und warteten oft stundenlang auf die „Hamsterer“ weil die Züge oft lange Verspätung hatten.

Waren die Reisenden endlich angekommen ging es los: „Meine Karre ist mit Butter geschmiert“ oder „Mein Handwagen läuft am schnellsten“

Dann wurde aufgeladen was die Karre hielt, im Eiltempo über die notdürftig ausgebesserten Teerstraßenabschnitte oder holprigen Kleinpflasterstücke der B49 – an Bremm vorbei zur Neefer Lay – ging es doch darum, möglichst schnell mit der ersten Fähre nach Neef überzusetzen und den nächsten Zug in Richtung Obermosel / Hunsrück usw. zu erreichen. Doch der Neefer Fährmann (Hermann) hatte die Ruhe weg, souverän, ohne Drängelei der Fahrgäste, setzte er sicher seine „Pont“ nach Neef über.

Wir „Karren-Fahrer“ – oder Jung-Transport-Unternehmer – warteten dann auf die Rückkehr der anderen erfolgreichen „Hamsterer“ und beförderten ihre erworbenen Lebensmittel (in fester oder flüssiger Form) wieder nach Eller zum Bahnhof.

Ich erinnere mich noch gut: Einmal war wohl in dem schwerer Holzkoffer zu viel Moselwein oder Hefeschnaps verpackt, ein Rad von meinem vierrädrigen Handwagen krachte zusammen, meine Fahrgäste luden ihr Gepäck auf einen anderen Wagen, drückten mir 5 Reichsmark in die Hand und ich konnte mit meinem nunmehr dreirädrigen Wagen betrübt nach Haus zuckeln.

Andere Karrenfahrer konnten mehr Gepäck aufladen und erzielten höhere Einnahmen. So hatte Walter Ploem an einem Tag ca. 150 – 170 Reichsmark – und spielte mit dick gefüllter Geldbörse in der Schule „Handball“.

Lehrerin Fräulein Stunz wurde aufmerksam – „beschlagnahmte“ vorübergehend die Geldbörse. Voller Neid erblickte sie das viele Geld. Lehrer wurden auch damals bekanntlich schlecht bezahlt und erhielten manchmal von den Bremmer Eltern Obst oder kleine Lebensmittelgaben. Fräulein Stunz gab Walter die Geldbörse zurück und verbot ihm weiterhin Geld mitzubringen. Doch am nächsten oder übernächsten Tag spielte Walter wieder mit einem dicken Portemonnaie. Erbost nahm die Lehrerin diese an sich und blickte hinein. Doch Walter hatte diesesmal nur Heu (Krummet) drin – was die Lehrerin natürlich noch wütender machte.

  Manche unserer älteren Kofferfahrer/innen nutzten auch die Nachtzugverbindungen aus. Dann war die Transportkonkurrenz nicht so groß. So fuhr auch in den Sommermonaten manchmal ein kleines Moselschiff (Bauschiff der Brücke?) und nahm uns die Reisenkunden weg und wir konnten als „Leerfahrt“ nach Hause zuckeln.

Der Winter 1945 / 46 war ja bekanntlich sehr kalt. Bei Wartezeiten an der Neefer Fähre mussten einmal zahlreiche Reisende fast eine ganze Nacht auf die Überfahrt nach Neef warten, weil der Fährmann trotz „Hol über“-Rufen nicht kam. Zum Erwärmen machten Sie ein großes Feuer an – und die Weinbergspfähle eines nahen Weinberges mussten daran glauben, waren am nächsten Tag nur noch Asche.

Auch war in einer anderen kalten Winternacht etwa 20 cm Schnee gefallen. Herbert Unzen und andere fuhren mit ihrer Karre durch den tiefen Schnee nach Eller. Straßenräumdienst gab es damals noch nicht. Auf der Rückfahrt mit der schwer beladenen Karre kam man kaum vorwärts, der Schnee setzte sich zwischen den Radspeichen fest. Alle Reisenden mussten schieben helfen und man erreichte mühsam das Ziel Neef.

Es war für uns alle ein harter Einstieg in das spätere Berufsleben – aber es war mehr ein Abenteuer, denn nach etwa anderthalb Jahren waren die Ellerer und die Bullayer Brücke wieder aufgebaut und unser Job hatte ein Ende.

Ich persönlich hatte bei dieser Aktion etwa 800 Reichsmark „verdient“ (manche viel mehr). Nach der Währungsreform blieben mir etwa 70 bis 80 Deutsche Mark – das war 1951 etwa die Hälfte des Kaufpreises für mein „Original-Miele-Fahrrad“, was ich heute noch besitze.

Das Hamstern war nicht immer leicht. Es versuchten auch einige Bremmer ihr Glück und fuhren mit Wein und Schnaps in die Städte um Tauschgeschäfte zu machen.

Doch in Remagen am Rhein war bekanntlich die Grenze zwischen französischer und englischer Besatzungszone. Die französischen Grenzkontrollen beschlagnahmten alle Getränke bei der Ausfuhr – die Engländer ließen die Hamsterer einfach einreisen.

Die Hamsterer versuchten nun beim Umsteigen auf dem langen Bahnsteig schnell und unbemerkt von dem französischen Teil zum englischen Teil zu kommen. Das gelang zwar nicht immer und musste mancheiner wieder mit leeren Taschen nach Hause fahren. Nicht so ein junger Mann aus Bremm (Name dem Verfasser bekannt). Den „Eigenverbrauch“ wollte man ihm belassen, den Rest sollte er abliefern. Doch er ließ in sich hineinlaufen war hineinging, die restlichen Flaschen knallte er in eine Ecke.

Doch er konnte bald nicht mehr laufen. Anhand seiner Papiere kannte man seine Adresse. Die Grenzsoldaten banden einen Versandzettel mit seinem Heimatbahnhof Eller an den Hals und schickten ihn per Express Richtung Heimat. In Eller angekommen informierte ein Bremmer Bahner seine Mutter. Diese holte den noch immer Betrunkenen mit einer Handkarre in Eller ab, und deckte ihn mit einer Decke zu. Doch in Bremm war die Decke etwas verrutscht und die Füße schauten unten heraus. Einige Bremmer sahen diesen merkwürdigen Transport – und so kam die Geschichte ans Licht.

 
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Dieser Beitrag wurde verfasst von Toni Ostermann, Bremm   Korrekturdatum:
Eventuelle Korrekturhinweise bitte an toni.ostermann@bremm-mosel.de   20.06.2009 RP
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